Geisterstadt by Brigitte Johanna Henkel-Waidhofer

Geisterstadt by Brigitte Johanna Henkel-Waidhofer

Author:Brigitte Johanna Henkel-Waidhofer [Henkel-Waidhofer, Brigitte Johanna]
Language: deu
Format: epub
ISBN: 3551359024
Publisher: New Media German Language
Published: 1999-12-31T23:00:00+00:00


Die Wintersonne hatte die Aussichtsplattform des Turms erwärmt. Sie saßen auf dem Boden, schmökerten abwechselnd in den Aufzeichnungen und beobachteten die Villa durch Peters Feldstecher.

Die gesammelten Zeitungsausschnitte brachten wenig Neues. Oames junior legte tatsächlich großen Wert darauf, sich mit Hinz und Kunz zu treffen, offenbar immer darauf bedacht, in die Klatschspalten zu kommen. Auffällig war allerdings, dass sein Vater erst vor zehn Wochen damit begonnen hatte, die Artikel zu sammeln, dann aber mit ungewöhnlicher Akribie ans Werk gegangen war. Es gab praktisch keine Zeitung zwischen San Francisco und San Diego, deren einschlägige Berichte nicht fein säuberlich samt Datumsangabe archiviert waren.

Peter faszinierten vor allem die Aufzeichnungen über einzelne Spiele. Er konnte sich kaum sattsehen an den Skizzen und Entwürfen. Mit zügigen Linien waren Spielpläne entworfen, wieder verworfen oder verändert worden. Die Anmerkungen bestanden oft nur aus Buchstaben und waren praktisch nicht zu entziffern. »Ob es wohl auch in solchen Verlagen Industriespionage gibt?«, dachte Peter laut, während er in den Notizen blätterte.

»Na klar«, stellte Justus fest. »Ein erfolgreiches Spiel kann Millionen Dollar bringen.« Er deutete hinunter auf das Anwesen. »Der Beweis dafür liegt uns zu Füßen.«

Peter reagierte nicht, sondern fixierte die Aufzeichnungen.

»Gib mir doch mal die zweite Mappe«, bat er, ohne aufzusehen.

Justus fingerte nach den Zeitungsausschnitten. »Was tut sich da unten?«, fragte er Bob, der das Anwesen per Feldstecher im Blick hatte.

»Nichts«, antwortete der lakonisch. »Jedenfalls nichts, was ich sehen könnte. Kein Oames, keine Gangster, kein Lösegeld. Nicht mal ein richtiges Motiv lässt sich blicken.« Dazu lachte er so schräg, dass die beiden anderen es vorzogen, gar nicht erst zu reagieren.

Peter beugte sich unterdessen noch tiefer über die beiden Mappen.

»Kombiniere«, zog Justus den Freund auf, »du hast einen neuen Berufswunsch. Nicht mehr Lokomotivführer, sondern Spieleerfinder.« Jetzt war er es, der ein meckerndes Kichern hören ließ.

»Ich freue mich für euch, dass ihr so wahnsinnig witzig seid«, sagte Peter abwesend und stand langsam auf. Aber dann schrie er: »Ich hab’s!« Justus sperrte Mund und Nase auf, und Bob wäre beinahe das Fernglas aus der Hand gefallen.

»Was hast du?«, fragte Justus streng.

»Wisst ihr was?« Er wedelte mit den Mappen in der Luft. »Diese Spielnotizen gehören überhaupt nicht Oames.« Er ließ sich wieder auf die Knie fallen. Mit zwei hastigen Handbewegungen schlug er die Mappen auf. Justus beugte sich darüber, während Bob wieder zur Villa hinuntersah und etwas ketzerisch murmelte, das sei ja eine ganz tolle Entdeckung.

Der Zweite Detektiv fuhr unbeirrt mit dem Finger an einer Buchstabenreihe neben einem Spielplan entlang. Danach zeigte er auf einen der Zeitungsausschnitte, auf dem das Datum handschriftlich eingetragen war.

»Tatsächlich«, brummte Justus. »Das sind zwei verschiedene Handschriften.« Er genierte sich, weil er, der Perfektionist, nicht selbst darauf geachtet hatte. Was man in einer einzigen Schublade findet, dachte Justus, muss eben nicht von einem einzigen Menschen stammen. »Erinnert mich an die Schrift von Miss Fulton«, sagte er. Miss Fulton war eine ihrer ersten Lehrerinnen gewesen. Justus musste schmunzeln bei der Erinnerung an die kleine untersetzte Frau mit der dicken Brille und dem dunklen Zopf bis zur Taille, von der sie nie ein böses Wort gehört hatten.



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